Was macht Dauergrünland & Beweidung so einzigartig?
von Anita Idel
Heute wird weitgehend nicht wahrgenommen, warum Gräser nach Beweidung oder Mahd immer wieder weiterwachsen. Gräser haben sich über 20 Millionen Jahre in Ko-Evolution mit Weidetieren so sehr daran angepasst, dass sie nicht trotz, sondern wegen der Beweidung wachsen.
Mit der Beweidung entwickelte Dauergrasland seine biologische Vielfalt und Flexibilität. Heute bedeckt dieses grösste terrestrische Ökosystem mehr als 40 Prozent der weltweiten Landfläche.
Nachhaltige Beweidung erhöht die Bodenfruchtbarkeit und trägt dadurch zum Klimaschutz bei. Durch temporäre Beweidung können auch Ackerböden (wieder) Fruchtbarkeit generieren.
Grasland kann fast überall wachsen – auch wo es zu kalt, zu trocken oder zu nährstoffarm für Bäume oder den Ackerbau ist. Zudem ist es an extreme Temperaturwechsel angepasst: langfristig an die Jahreszeiten oder kurzfristig an den Tag-Nachtrhythmus.
Infolge der Ko-Evolution, verbuscht oder verwaldet Grasland, wenn dauerhaft nicht beweidet oder gemäht wird.
Überschrift
Grasland ist das erfolgreichste terrestrische Biom: Kein Ökosystem bedeckt mehr globale Landfläche. Mit der Beweidung entwickelte Dauergrasland – lokal und regional spezifisch – seine biologische Vielfalt: jeweils verschiedene Gräser, Kräuter und Leguminosen.
Bis zum Beginn des Chemie-Zeitalters verfügten die Böden über diese Vielfalt in ihren Samenbanken.
Sie ermöglichte dem Grasland eine enorme Resilienz durch Anpassungsfähigkeit: Unterschiedlichste Samen konnten zeitnah keimen und auf wechselndes Wetter – bzw. Wetterextreme wie Überschwemmungen – flexibel reagieren.
Alle Grasland-Ökosysteme entstanden mit verschiedenen Weidetierarten. Seit der letzten Eiszeit (Glazial) dominieren dabei jeweils Wiederkäuer – in weiten Regionen Eurasiens der Auerochse. Alle Rinder stammen vom Auerochsen ab. Mit angemessenem Weidemanagement können sie seine Funktion im Ökosystem Grasland ersetzen.
Überschrift
Heute bildet Dauergrasland die grösste Perma- und Mischkultur. Gefolgt vom Wald bedeckt keine Pflanzengesellschaft mehr globale Landfläche. Gras- und Baumsamen können ab circa [Formel] keimen und wachsen, wenn genügend Licht verfügbar ist.
Während der letzten Kaltzeit (Weichsel-Glacial) von vor 115.000 bis vor rund 12.000 Jahren dominierte Grasland ebenfalls die Vegetation – damals mit großssem Abstand vor dem Wald. Zu Beginn einer Kaltzeit wird mit zunehmender Kälte immer mehr Wasser in Gletschern gebunden. Mit ausbleibendem Regen verkümmern Wälder und Solitäre sukzessive wegen ihres hohen Wasserbedarfs (an heissen Tagen: Buchen bis 400, Eichen über 1.000 Liter).
Mit endender Kaltzeit können sich Grasland und Weidetiere noch weiter ausbreiten. Sowie die zirkulierende Feuchtigkeit wieder für ein Buschstadium und später auch für das Wachstum von Bäumen und Wäldern reicht, entscheidet das Vorhandensein von Weidetieren und deren Anzahl darüber, ob das Land offenbleibt.
Grasland ist über Millionen Jahre in einer einzigartigen KoEvolution mit Weidetieren entstanden. Das Alleinstellungsmerkmal der Gräser: Sie wachsen nicht „trotz“, sondern „wegen“ der Beweidung.
Anpassung durch KoEvolution
Weil Gräser eine spezielle Wachstumsdynamik entwickelt haben, kann ihnen der „Biss“ nicht schaden. Denn die Wachstumszone, aus der heraus ein Grashalm (weiter-)wächst, liegt bodennah an seinem unteren Ende – an seiner Basis. Deshalb behält ein Grashalm oben seine gerade Abrisskante, wenn er nach der Beweidung – von unten – weiterwächst. Sein Wachstum erfolgt nicht durch Verlängerung seiner Spitze.
So bleibt Grasland erhalten durch seine KoEvolutionspartner. Ohne die Weidetiere bzw. deren partiellen Imitator, die Mahd, verbuscht oder verwaldet es.
Der Erfolg dieser einzigartigen KoEvolution: Dauergrasland bildet die größte Pflanzengesellschaft auf der globalen Landfläche.
Überschrift
Gräser profitieren sogar von der Beweidung. Sie löst bei ihnen einen Wachstumsimpuls aus und verstärkt ihre Photosyntheseleistung: Sie nehmen mehr CO2 aus der Atmosphäre auf und können mehr Pflanzenbiomasse bilden. Darüber hinaus investieren sie einen erheblichen Teil der Energie, die sie mit der Photosynthese aufnehmen, in die Bildung von Wurzel-Exsudaten. Mit dieser energiereichen Nährlösung „füttern“ ihre Wurzeln Bodenlebewesen, insbesondere Mikroorganismen, und tragen so – über die Verrottung ihrer Wurzeln hinaus – wesentlich zur Humusbildung bei.
Wachstum aus der Triebspitze
Andere Pflanzen wachsen, in dem sie oben an ihren Triebspitzen den Spross verlängern. Eine Pflanze, die wie ein Baumschössling nur über einen einzigen Spross verfügt, stirbt ab, wenn dieser abgefressen wird.
Abwehr gegen das Gefressenwerden
Hingegen versuchen viele Pflanzen, Frassverluste zu vermeiden. Einen erheblichen Energieaufwand erfordert die verbreitete Strategie, sich mit Dornen oder Stacheln dagegen zu wehren. Dabei richtet der Ilex (Stechpalme) seinen Energieaufwand nach dem Frassdruck: Seine Blätter bilden umso weniger Stacheln, je weniger Mäuler sie erreichen können.
Noch energieaufwändiger sind Bitterstoffe, denn sie müssen permanent neu gebildet werden. Im Frühjahr schmecken die Sprosse von Nadelgehölzen extrem bitter, solange sie hellgrün und zart sind. Häufig investieren Pflanzen am meisten Energie in der Dämmerung, weil dann der Frassdruck am höchsten ist.
Manche Pflanzen versuchen Frassverluste durch bodennahes Wachstum zu vermeiden. So entkommen sie – wie der kriechende Günsel – weitgehend dem Tiermaul.
Heute bedeckt Grasland mehr als 40 Prozent der globalen Landfläche.Sein Anteil an der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche beträgt 70 Prozent (in Deutschland weniger als 30 Prozent).
Wie sind die „Kornkammern“ der Erde entstanden?
Grasland kann auf marginalen sog. Grenzertragsböden wachsen – insbesondere auch, wo es zu trocken, zu kalt oder zu nährstoffarm für Bäume oder den Ackerbau ist.
Weniger bekannt sind Ursprung und Entwicklung der weltweit fruchtbarsten Böden. Hohe Lössanteile boten eine günstige Voraussetzung, aber sie wuchsen (wie alle Böden) von oben: durch Jahrtausende lange Beweidung. Zu diesen Kornkammern zählen die Schwarzerdeböden (Tschernoseme) der Prärien in Nordamerika, der Ukraine, der Puszta in Ungarn, des Bărăgans in Rumänien, des Pannonischen Tief- und Hügellandes in Österreich, der Böden in den deutschen Tieflandsbuchten sowie Kasachstans, der Mongolei und Chinas (Mandschurei) und auch der subtropischen Pampas in Argentinien und Uruguay.
Zusammenfassung
Grasland ist über Millionen Jahre in einer einzigartigen KoEvolution mit Weidetieren entstanden. Das Alleinstellungsmerkmal der Gräser: Sie wachsen nicht „trotz“, sondern „wegen“ der Beweidung. Alle anderen Pflanzen versuchen, nicht gefressen zu werden.
Das Alleinstellungsmerkmal der Gräser: Sie wachsen nicht „trotz“, sondern „wegen“ der Beweidung. Alle anderen Pflanzen versuchen, nicht gefressen zu werden.