Große Weidetiere im “toten Winkel” des Naturschutz?
von Lioba Degenfelder
Die Artenverluste in Deutschland sind nach wie vor ungebrochen. Eine Trendwende im Erhalt von Biodiversität und Artenvielfalt ist bis dato nicht in Sicht.
Vor allem im Offenland sehen wir, dass wir beispielsweise das Verschwinden der Wiesenbrüter als wichtige Indikatorart für offene Agrarlandschaften allenfalls verlangsamen, nicht aber aufhalten können. (3)
Welche Chancen für den Artenschutz liegen also im Einsatz von großen Weidetieren und welche Hürden sehen Naturschutzverantwortliche?
Offenlandschaften – urspünglicher Lebensraum in Mitteleuropa?
Mitteleuropa war über den Großteil der Erdgeschichte von großen Pflanzenfressern belebt, welche die Landschaft offenhielt. Das war unsere eigentliche, ursprüngliche Landschaft – unbewaldet und geprägt von großen pflanzenfressenden Tierherden.
Großtierherden sind also die eigentliche Grundlage und Voraussetzung unserer Landökosysteme.
Hier in Mitteleuropa war es der Mensch, der durch erfolgreiche Jagd die letzten wilden Pflanzenfresser wie beispielsweise den Auerochsen aus unseren Landschaften gedrängt hat. (2)
Auf dem afrikanischen Kontinent sind solche Großherden noch in den Nationalparks als Landschaftsgestalter zu erleben. Dort bekommt man einen Eindruck, wie sich Landschaften im Zusammenspiel mit großen Wildtierherden formen und entwickeln. (2)
Dieses „Zerrbild” von natürlichen Landschaften spiegelt sich auch in der strengsten Schutzkategorie für Gebiete in Deutschland wider. Kein einziger der 16 deutschen Nationalparks befindet sich im Offenland. 7 der Parks allerdings befinden sich in Wald- oder Bergwaldregionen.
“Mahd ist seit 30 Jahren Standard in deutschen Schutzgebieten mit katastrophalen Ergebnissen in Sachen Insektenbiomasse”
Biomasseverlust von Fluginsekten trotz Schutzgebiet
Die bekannte “Krefelder Studie” wurde 2017 veröffentlicht und zeigt den dramatischen Verlust an Insektenbiomasse in Schutzgebieten. Sie basiert auf Langzeitdaten aus dem Zeitraum 1989–2016 aus 62 Standorte in deutschen Schutzgebieten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Gesamtbiomasse fliegender Insekten ging im untersuchten Zeitraum durchschnittlich um über 75 % zurück.(1)
Der klassische Naturschutzansatz – der häufig einen vollständigen Nutzungsverzicht vorsieht- schliesst häufig Weidetiere aus Landschaften aus.
Wo fehlt der Blick aufs große Ganze?
Natur- und Artenschutz fehlt nach wie vor die dringend notwendige politische Unterstützung. Das zeigt sich z.B. in der Mittelausstattung oder in Gesetzgebungsverfahren. (Verlinkung Artikel WeideNICHTFörderung)
Neben diesen strukturellen Problemen ist aber auch die Denkweise und somit die Umsetzung von Schutzmaßnahmen im Naturschutz zu wenig erfolgreich. „Konventioneller“ Naturschutz denkt oft in zu kleinräumigen Flächeneinheiten. Diese sind hinsichtlich ihrer Artenausstattung zwar gut erfasst, aufwändig beplant und mit ausgeklügelten Management- und Pflegeplänen belegt – das große Ganze gerät hingegen aus dem Blickfeld.
Vernetzungsstrukturen zwischen den einzelnen Schutzflächen fehlen, eine Verinselung der Biotope ohne die Möglichkeit des genetischen Austausches führt zur sukzessiven Verarmung der genetischen Vielfalt der Artengruppen und im schlimmsten Fall zum leisen Verschwinden von Arten.
“Botaniker kommen aus der Denkschule der 1920er und 1930 Jahre und haben die Beweidungsmethoden der 60er Jahre im Kopf.” – Edgar Reisinger, Biologe und Beweidungsexperte
Tiere auf der Weide – eine Quelle des Chaos – und warum genau darin die Chance liegt.
Klassische Denkweisen des Naturschutzes haben die Tendenz, zu überplanen, um vermeintliche Kontrolle über Entwicklungsprozesse und Artzusammensetzungen zu erlangen. Großherbivoren auf Flächen zu lassen und in den Prozess zu vertrauen, ohne einzugreifen ist auch eine gedankliche Herausforderung für viele Planer. Rinder erzeugen offene Trittstellen, Fressen oder Zertrampeln auch streng geschützte Arten – ein Graus für jedes Planungsbüro mit festgezurrter Zielsetzung an Artinventar und finalem Entwicklungsziel von Schutzgebieten.
Welches Mindset braucht Naturschutz um Beweidung „auszuhalten“?
Verantwortliche müssen Vertrauen entwickeln in die Grundidee: Kommen die großen Tiere – kommt das Ökosystem, nicht umgekehrt.
Zahlreiche Rewilding Projekte überall auf der Welt zeigen diese Positiventwicklung. Diese passiert oftmals sehr viel schneller, als man es sich erträumen ließe. Ein echter Lichtblick für die Biodiversitätskrise.
Das Nicht-Management von Schutzgebieten ist sozusagen das geeignete Management-Instrument für Graslandökosysteme, die durch Pflanzenfresser geformt und stetig verändert werden.
Vögel der Agrarlandschaft im Sinkflug
Je nach Lebensraum haben sich die Bestände der Vogelarten unterschiedlich entwickelt. Vor allem die Bestände der Arten, die in Agrarlandschaften leben, wie Feldlerche, Kiebitz und Rebhuhn, gingen in den letzten Jahren stark zurück.
“Naturschützer gärtnern gern.”
Ist eine Beweidung von Naturschutzflächen günstiger, als sie maschinell zu pflegen?
Um Naturschutzflächen maschinell zu pflegen sind Planungs- und Pflegeaufwände erforderlich. “Die Kosten für die Pflegemahd werden auf etwa 500 bis 1.000 Euro pro Hektar und Jahr geschätzt. Für Maßnahmen zur Entbuschung ist mit Kosten von rund 8.000 bis 10.000 Euro etwa alle zehn Jahre zu rechnen.” so Hans Huss, Projektmanager von H&S, Freising.
Trotzdem schlagen vor allem die hohen Investitionskosten für Weidezäune, Futterraufen usw. so stark zu Buche, dass die Kostenrechnung oftmals gegen die Beweidung ausfällt.
Er stellt in einer Beispielsrechnung fest, dass vor allem bei kleinen Schlaggrößen die Investitionskosten so hoch sind, dass eine Kostendeckung bei weitem nicht möglich ist. Aber auch bei Schlaggrößen über 100 Hektar müsste die Beweidungsprämie zusätzlich mind. 520 €/ha betragen, um selbst bei Pachtfreiheit in den kostendeckenden Betrieb zu kommen.
Auch Edgar Reisinger, Biologe und Beweidungsexperte sagt: “Mahd ist aufwandsärmer und kostengünstiger als die extensive Beweidung. Dies gilt zumindest auf flachen, unproblematischen Flächen. Auf schwer zugänglichen Extremstandorten sieht das anders aus. Die Mahd bedeutet 14 Tage Arbeitsaufwand, die Beweidung bedeutet jeden Tag Kontrolle und Fürsorge – die Agrar-Förderprogramme bilden diesen Mehraufwand in keinster Weise ab.”
Beweidung als großräumigen Natur- und Artenschutz zu verstehen, braucht eine entscheidende Fähigkeit von Naturschützer:innen: die Bewirtschafter als echte Partner:innen anzuerkennen und nicht als bloße Dienstleister, um genaue Pflegepläne durchzuführen. Naturschutz braucht das Erfahrungswissen von Landwirten:innen, um den schmalen Grad zwischen Unter- und Überbeweidung von Flächen zu gehen.
Das bedarf mitunter einen radikalen Perspektivwechsel– hinein in die Beweg- und Hemmnisgründe von Landwirt:innen für oder gegen die Beweidung.
Sektorübergreifende Dialogräume, in denen sich Vertreter von Landwirtschaft und Naturschutz auf Augenhöhe begegnen sind notwendig, um Vertrauen aufzubauen und den gegenseitigen Wissenstransfer zu unterstützen.
Quellen:
- Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H. & de Kroon, H. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE, 12(10), e0185809.
- Haft, J. (2024) Warum Berge und Rinder zusammengehören. In: Jahrbuch des Vereins zum Schutz der Bergwelt, 89./90. Jahrgang 2024/2025. München: Verein zum Schutz der Bergwelt, S. 449–466.
- Brlík, V., Šilarová, E., Škorpilová, J., Alonso, H., Anton, M., Aunins, A. et al. (2021) Long-term and large-scale multispecies dataset tracking population changes of common European breeding birds. Scientific Data, 8:21. doi:10.1038/s41597-021-00804-2.